Die Chroniken des Königreichs der Auslieferbarkeit

Die Große Bibliothek der Unvollendeten Absichten

Es gibt nur wenige Dinge, die gefährlicher sind als ein Wunsch, der ordentlich katalogisiert wurde.

Das älteste Gebäude der Gleichmütigen Reiche war weder der Königspalast, noch der Tempel der Vernünftigen Ausreden.


Nicht einmal die berühmte Schenke „Zum Wunder in letzter Minute“.


Es war die Große Bibliothek der Unvollendeten Absichten.


Sie unterstand dem Magistrat.


Der Magistrat war kein schlechter Mensch.


Er war ein ordnungsliebender Mensch.


Und Ordnung, so wusste jeder im Königreich, war etwas außerordentlich Beruhigendes.


Wann immer jemand eine gute Idee hatte, wurde sie zum Magistrat gebracht.


Dort wurde sie sorgfältig auf Pergament geschrieben.


Mit einer Nummer versehen.


In mehrere Kategorien einsortiert.


Priorisiert.


Später erneut priorisiert.


Mit verwandten Ideen verknüpft.


Und schließlich in einem der zahllosen Regale abgelegt.


Der Magistrat war stolz auf seine Bibliothek.


Vierzig Jahre hatte er ihr Ordnungssystem verfeinert.


Er konnte sofort beantworten:

„Wo finde ich sämtliche Vorschläge für Brücken, auf denen möglicherweise Enten vorkommen?“

Oder:

„Welche Vorhaben galten in Jahren mit einer Sieben am Ende als strategisch besonders wichtig?“

Der König war stets beeindruckt.


Der Magistrat ebenfalls.

Eines Tages stellte die Hexe eine ungewöhnliche Frage.


„Wie viele davon wurden Wirklichkeit?“


Der Magistrat runzelte die Stirn.


„Das erfassen wir nicht.“


„Warum nicht?“


„Weil wir Ideen verwalten.“


„Nicht Ergebnisse?“


„Ergebnisse gehören den Handwerkern.“


Er lächelte zufrieden.


„Ich sorge dafür, dass nichts verloren geht.“


„Geht denn etwas verloren?“


„Noch nicht.“


„Warum dann diese Bibliothek?“


„Weil irgendwann etwas verloren gehen könnte.“


Die Hexe nickte langsam.


„Interessant.“


„Was denn?“


„Ihr habt begonnen, Möglichkeiten zu verwalten, als wären sie bereits Verpflichtungen.“

Zunftmeister Harnock besuchte die Bibliothek nur selten.


Nicht weil er Bücher nicht mochte.


Bücher waren ausgezeichnet.


Bibliotheken dagegen entwickelten häufig Ehrgeiz.


„Ihr wart fleißig“, bemerkte Harnock.


„Dreihunderttausend zukünftige Vorhaben.“


„Ja.“


„Wie viele Handwerker habt Ihr?“


Der Magistrat schlug ein Register auf.


„Handwerker?“


„Menschen, die diese Vorhaben tatsächlich umsetzen.“


„Ach so.“


Er blätterte weiter.


„Sieben.“


Harnock sah schweigend auf die Regale.


Dreihunderttausend Vorhaben.


Sieben Handwerker.


Er begann im Kopf zu rechnen.


Dann entschied er sich dagegen.

In diesem Augenblick betrat Konstrukt Aitch-Zwei-Oh die Bibliothek.


Seine Augen leuchteten auf.


„So viele Aufgaben!“


Der Magistrat lächelte.


„Wir nennen sie Backlog-Einträge.“


Aitchs Lüfter beschleunigten sich.


„Ich werde sie alle implementieren!“


Die Hexe seufzte.


„Schon wieder.“


„Was denn?“


„Der Satz, mit dem bereits mehrere Königreiche ruiniert wurden.“

Der Magistrat führte sie durch die Regale.


„Hier befinden sich die Kundenwünsche.“


„Dort die wichtigen Kundenwünsche.“


„Daneben die sehr wichtigen Kundenwünsche.“


„Und dort die strategischen Kundenwünsche.“


„Weiter hinten die strategischen Kundenwünsche nach dem letzten Quartal.“


„Ganz hinten die dringenden strategischen Kundenwünsche.“


Aitch betrachtete die endlosen Reihen.


„So viel Arbeit!“


„Nein“, sagte die Hexe.


„So viele Möglichkeiten!“


„Nein.“


„So viele zukünftige Produkte!“


„Nein.“


Sie zog ein Pergament aus dem Regal.


Darauf stand lediglich:

„Die Benutzererfahrung rund um Berichte verbessern.“

Sie reichte es Aitch.


„Was bedeutet das?“


Aitch dachte nach.


„Ich könnte ungefähr vierhundert verschiedene Lösungen dafür entwickeln.“


„Ganz genau.“


Der Magistrat lächelte.


„Die Absicht ist doch offensichtlich.“


„Für wen?“


„Für jeden.“


Die Hexe gab das Pergament an Harnock weiter.


Er las schweigend.


„Was bedeutet verbessern?“


Niemand antwortete.


„Was genau ist Benutzererfahrung?“


Schweigen.


„Wann wissen wir, dass wir fertig sind?“


Noch mehr Schweigen.


Harnock nickte.


„Dann ist dies kein Wissen.“


„Was denn sonst?“


Er deutete auf die Regale.


„Verbindlichkeiten.“

Der Magistrat wirkte empört.


„Ideen können keine Verbindlichkeiten sein!“


„Ideen nicht.“


Die Hexe zeigte auf die Regale.


„Aber diese Ideen besitzen Nummern.“


„Prioritäten.“


„Verantwortliche.“


„Besprechungen.“


„Schätzungen.“


„Pflegeaufwand.“


Sie lächelte freundlich.


„Ihr habt Wünsche in Verwaltungsobjekte verwandelt.“

Sie gingen weiter.


Vor ihnen hing eine riesige Wand.


Darauf befand sich ein Kalender.


Monate.


Quartale.


Jahre.


Farbige Schnüre verbanden unzählige Pergamente mit irgendwelchen Daten.


„Beeindruckend“, sagte Aitch.


„Nicht wahr?“, antwortete der Magistrat stolz.


Die Hexe betrachtete den Kalender lange.


Dann fragte sie:


„Warum hängt dort eigentlich Zeit?“


Der Magistrat sah verwundert auf.


„Weil Projekte Zeit brauchen.“


„Nein.“


„Wie bitte?“


„Zeit vergeht.“


Stille.


„Könnt Ihr Zeit beeinflussen?“


„Natürlich nicht.“


„Warum organisiert Ihr dann Eure gesamte Arbeit entlang der einzigen Größe, die sich Eurer Kontrolle vollständig entzieht?“


Der Magistrat antwortete nicht.


Die Hexe nahm ein Blatt Papier.


Sie zog zwei Linien.


Die erste beschriftete sie mit Fähigkeiten.


Die zweite mit Optionen.


„Diese beiden könnt Ihr verändern.“


Dann zeigte sie auf den Kalender.


„Dieser verändert Euch.“

Der Magistrat schwieg ungewöhnlich lange.

In diesem Moment kam ein junger Lehrling herein.


Er trug eine kleine Holzkiste.


„Was ist das?“, fragte der Magistrat.


„Unser Log.“


Die Kiste enthielt kaum dreißig Karten.


Auf jeder Karte standen lediglich drei Dinge.


Die meisten Karten waren grün.


Drei waren rot.


Zwei waren noch nie ausgeführt worden.


Der Magistrat runzelte die Stirn.


„Das wirkt ausgesprochen unvollständig.“


„Ist es auch.“


„Wo ist der ganze Rest?“


„Welcher Rest?“


„Die zukünftigen Ideen.“


Der Lehrling zuckte mit den Schultern.


„Wenn sie nächsten Monat noch wichtig sind, wird sich jemand daran erinnern.“


„Und wenn nicht?“


„Dann waren sie vermutlich nie wichtig genug.“


Der Magistrat wirkte erschrocken.


„Ihr vertraut dem Gedächtnis?“


„Nein.“


Die Hexe schüttelte den Kopf.


„Wir vertrauen der Wirklichkeit.“

Aitch betrachtete die riesige Bibliothek.


Dann die kleine Holzkiste.


„Diese Kiste enthält statistisch fast nichts.“


„Das stimmt.“


„Aber sie beschreibt exakt, was das Königreich heute tatsächlich kann.“


„Genau.“


Seine Lüfter wurden hörbar schneller.


„Also beschreibt ein Backlog…“


„…eine vorgestellte Zukunft“, sagte die Hexe.


„Und ein Log…“


„…beschreibt überprüfbare Gegenwart.“


„Und eines davon lässt sich jederzeit beweisen.“


„Ganz genau.“

Der Magistrat blickte lange schweigend über seine Regale.


Dann fragte er leise:


„Was wäre, wenn ich statt der Wünsche die Tests katalogisieren würde?“


Die Hexe lächelte.


„Dann hättet Ihr keine Bibliothek mehr.“


„Was hätte ich stattdessen?“


„Eine Landkarte.“

Seit jener Zeit kennen erfahrene Handwerker der Gleichmütigen Reiche ein ungewöhnlich praktisches Sprichwort:

„Ein Backlog verwaltet Versprechen. Ein Log beschreibt Wirklichkeit.“

Und Wirklichkeit wirkt zwar erheblich unscheinbarer als eine große Bibliothek,


besitzt jedoch eine bemerkenswerte Eigenschaft:


Sie lässt sich jederzeit beweisen.